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Ein Übermaß an Dieben
von Aniis Noru

Das sieht aber interessant aus‘, sagte Indyk, während er die Augen zusammenkniff, um zu beobachten, wie die schwarze Karawane sich ihren Weg zur Spitze des verborgenen Schlosses nördlich von Anfar bahnte. Jede Kutsche trug ein farbenprächtiges, fremdes Wappenschild, dessen Schein im Licht des Mondes glänzte. ‚Was glaubst du, wer das ist?‘

‚Offensichtlich Leute mit viel Geld‘, antwortete seine Gefährtin Heriah lächelnd. ‚Vielleicht eine neue Sekte des Sshamsh, die sich der Ansammlung von Reichtümern gewidmet hat?‘

‚Geh in die Stadt und versuche, etwas über das Schloss herauszufinden‘, sagte Indyk. ‚Ich werde sehen, ob ich etwas über diese Fremden in Erfahrung bringen kann. Wir treffen uns morgen Nacht auf diesem Hügel wieder.‘

Heriah besaß zwei besondere Fähigkeiten: sie konnte Schlösser knacken und sie konnte Rätsel knacken. Am folgenden Tag traf sie in der Abenddämmerung wieder auf dem Hügel ein. Indyk folgte eine Stunde später.

‚Der Ort wird Schloss Herlak genannt‘, erklärte sie. ‚Er entstand im Jahre 2.67 , gebaut von einer Gruppe Händler, die sich vor einer der Faulsumpf Epidemien schützen wollten. Sie versuchten, die Massen kranker Menschen von sich fernzuhalten, damit diese die Seuche nicht unter ihnen verbreiten konnten, und legten ein für ihre Zeit sehr raffiniertes Sicherheitssystem an. Das Meiste ist natürlich schon zerfallen, aber ich denke, es gibt noch eine gute Anzahl funktionierender Schlösser und Fallen. Was hast du herausgefunden?‘

‚Nicht halb so viel wie du‘, antwortete Indyk missmutig. ‚Keiner scheint etwas über diese Leute zu wissen, noch nicht einmal, dass sie überhaupt hier sind. Ich hatte schon fast aufgegeben, aber dann habe ich in der Kartause einen Mönch getroffen, der mir erklärte, dass seine Herren eine geschlossene Gemeinschaft sind, die sich als Orden von Eadnua bezeichnet. Ich habe ein wenig mit ihm gesprochen, Parathion ist sein Name, und es scheint, als hätten sie heute Abend ein rituelles Fest. Alles scheinbar Blasphemie Sshamsh gegenüber´

‚Sind sie wohlhabend?‘, fragte Heriah ungeduldig.

‚Nach Aussage des Mönchs mehr, als du dir vorstellen kannst. Sie sind allerdings nur noch heute Nacht im Schloss.‘

‚Ich habe meine Dietriche dabei‘, sagte Heriah und zwinkerte ihm zu. ‚Die Gelegenheit bietet sich also an.‘

Sie zeichnete eine Skizze des Schlosses in den Sand: Die Haupthalle und die Küche waren am vorderen Portal, während die Ställe und die Waffenkammer im hinteren Teil lagen. Die beiden Diebe hatten ein System, das noch nie versagt hatte. Heriah versuchte, einen Weg in das Schloss zu finden und so viel Beute wie nur möglich zu machen, während Indyk für Ablenkung sorgte. Er wartete, bis seine Gefährtin die Mauer hochgeklettert war, ehe er an das Tor klopfte. Sollte er diesmal einen Barden spielen? Oder lieber einen Abenteurer, der sich verlaufen hatte? Es machte am meisten Spaß, bei den Details ein bisschen zu improvisieren.

Heriah hörte, wie Indyk mit der Frau sprach, die zum Tor kam, aber sie war zu weit weg, um dem Gespräch folgen zu können. Offensichtlich war er erfolgreich, denn im nächsten Moment hörte sie, wie die Tür geschlossen wurde. Der Mann hatte Charme, das musste man ihm lassen.

Auf dem Weg zur Waffenkammer waren nur wenige Fallen gelegt und Schlösser angebracht worden. Zweifelsfrei waren die meisten Schlüssel im Laufe der Zeit verloren gegangen. Der Diener, der für die Sicherung der Schatzkammer des Ordens verantwortlich war, hatte ein paar neue Schlösser anbringen lassen. Sie benötigte mehr Zeit, um sich durch die komplizierten Schnappschlösser und Riegel der neuen Fallen zu manövrieren, ehe sie zu den alten, aber noch funktionierenden Schließsystemen gelang. Heriah konnte es kaum abwarten. Sie dachte, dass das, was hinter diesen Türen lag, ziemlich wertvoll sein musste, sonst hätte man sich nicht so viel Mühe mit den Schlössern gegeben.

Als die Tür endlich leise aufschwang, wurden ihre gierigen Wunschträume sogar noch übertroffen. Berge goldener Schätze und historischer Reliquien schimmerten in unberührter Schönheit, Waffen von unvergleichlicher Güte, faustgroße Juwelen, Flaschen mit fremden Elixieren und ganze Stapel von wertvollen Dokumenten und Schriftrollen waren zu sehen. Sie war so fasziniert von dem Anblick, dass sie den Mann hinter sich nicht hörte.

‚Ihr müsst Gräfin Tressed sein‘, ließ eine Stimme sie hochschrecken.

Es war ein Mönch in einer schwarzen Kutte mit Kapuze, die aufwendig mit Gold und Silber durchwoben war. Einen Moment lang war sie sprachlos. Es war eine dieser Begegnungen, die Indyk so liebte, sie jedoch konnte nur mit dem Kopf nicken und hoffen, dass sie überzeugend wirkte.

‚Ich fürchte, ich habe mich verlaufen‘, stotterte sie.

‚Das sehe ich‘, lachte der Mann. ‚Das hier ist die Waffenkammer. Ich werde Euch den Weg zum Speisesaal zeigen. Wir fürchteten schon, Ihr würdet nicht kommen. Das Fest ist fast schon vorbei.‘

Heriah folgte dem Mönch über den Hof zu der Doppeltüre, die in den Speisesaal führte. Er reichte ihr mit einem wissenden Lächeln eine Kutte wie die seine, die außen an der Tür an einem Haken hing. Sie schlüpfte hinein. Genau wir er zog auch sie die Kapuze über den Kopf und betrat die Halle.

Fackeln beleuchteten die Personen, die um die lange Tafel versammelt waren. Alle trugen die gleiche schwarze Kutte, die das Antlitz verbarg. So wie es aussah, war das Fest vorüber. Leere Teller, Schlüsseln und Gläser füllten jeden freien Zentimeter des Tisches, aber von dem Mahl waren nur winzige Krümel übrig. Es sah aus, als würde das Ende der Fastenzeit gefeiert. Einen Moment lang dachte Heriah nicht mehr an die Gräfin Tressed, die die Gelegenheit, an dieser Völlerei teilzunehmen, verpasst hatte.

Das einzig Ungewöhnliche an der Festtafel war der Tafelschmuck in der Mitte: eine riesige goldene Sanduhr, deren letzte Minute gerade ablief.

Alle Anwesenden sahen gleich aus, einige schliefen, andere schwatzten fröhlich miteinander und einer von ihnen spielte eine Laute. Sie bemerkte, dass es Indyks Laute war und sah nun auch Indyks Ring am Finger des Mannes. Heriah war auf einmal dankbar für die Anonymität, die ihr die Kapuze gab. Vielleicht würde Indyk so nicht herausbekommen, dass sie es war und dass sie ertappt worden war. ‚Tressed‘, sagte der junge Mann zu den Anwesenden, die sich wie ein Mann umdrehten und in donnernden Applaus ausbrachen.

Die Mitglieder des Ordens, die noch bei Bewusstsein waren, erhoben sich, um ihr die Hand zu küssen und sich vorzustellen.

‚Nirdla.‘

‚Suelec.‘

‚Kyler.‘

Die Namen wurden merkwürdiger.

‚Toniop.‘

‚Htillyts.‘
‚Noihtarap.‘

Sie konnte ein Lachen nicht unterdrücken. ‚Ich verstehe. Es ist rückwärts. Eure echten Namen sind Aldrin, Celeus, Relyk, Poinot, Styllith, Parathion.‘

‚Natürlich‘, sagte der junge Mann. ‚Möchtet Ihr Euch nicht setzen?‘

‚Sicher‘, antwortete Heriah, die sich langsam in die Maskerade einlebte, und nahm Platz. ‚Gehe ich recht in der Annahme, dass die rückwärts genannten Namen sich wieder umkehren, wenn die Sanduhr abgelaufen ist?‘

‚Das ist richtig, Tressed‘, sagte die Frau neben ihr. ‚Das ist nur eine der kleinen Vergnügungen unseres Ordens. Dieses Schloss ist wie gemacht für unser Fest, es wurde ja als Zuflucht vor den Opfern der Pest gebaut, die auf ihre Weise ja auch wandelnde Tote waren.

Heriah fühlte sich auf einmal leicht benommen vom Geruch der Fackeln und fiel gegen den neben ihr schlafenden Mann. Er fiel kopfüber auf den Tisch.

‚Armer Gnag Retsre‘, sagte ein anderer und half, den Körper wieder aufzurichten. ‚Er hat uns so viel gegeben.‘

Heriah taumelte und ging auf unsicheren Füssen zum vorderen Portal.

‚Wohin geht Ihr, Tressed?‘, fragte sie jemand und seine Stimme hörte sich unangenehm spöttisch an.

‚Mein Name ist nicht Tressed‘, murmelte sie und griff nach Indyks Arm. ‚Tut mir Leid, Gefährte. Wir müssen gehen.‘

Das letzte Körnchen fiel gerade durch die Sanduhr, als der Mann seine Kapuze zurückzog. Es war nicht Indyk. Es war nicht einmal ein Mensch, sondern das gestreckte Zerrbild eines Mannes, mit hungrigen Augen und einem breiten Mund, der mit vampirähnlichen Hauern gefüllt war.

Heriah fiel zurück auf den Stuhl des Mannes, den sie Gnag Retsre nannten. Seine Kapuze öffnete sich und entblößte das blasse, blutleere Gesicht Indyks. Als sie anfing zu schreien, machten sie sich auch schon über sie her.

In der letzten Sekunde ihres Lebens buchstabierte Heriah den Namen Tressed endlich rückwärts.

Die Mitgift von Marobar Sul
Ynaleigh war der reichste Landbesitzer in Mileas Süden, und er hatte im Verlauf der Jahre eine enorme Mitgift für den Mann zusammengespart, der seine Tochter Genefra heiraten würde. Als sie das Heiratsalter erreichte, schloss er das Gold sicher verwahrt weg und verkündete seine Absicht, sie zu verheiraten. Sie war ein ansehnliches Mädchen, eine Gelehrte, eine großartige Sportlerin, doch von mürrischer und brütender Natur. Dieser Persönlichkeitsfehler störte ihre potenziellen Freier nicht mehr, als ihre positiven Charakterzüge sie beeindruckten. Jeder Mann wusste von dem immensen Reichtum, der ihm als Ehemann von Genefra und Schwiegersohn von Ynaleigh gehören würde. Das allein genügte, um Hunderte kommen und um Genefra werben zu lassen.

„Der Mann, der meine Tochter heiratet“, sagte Ynaleigh zu den Versammelten, „darf dies nicht allein aus Habgier tun. Er muss seinen eigenen Reichtum zu meiner Zufriedenheit unter Beweis stellen.“

Diese schlichte Aussage ließ einen Großteil der Freier verschwinden, die wussten, dass ihre mageren Vermögen den Landbesitzer nicht beeindrucken würden. Ein paar Dutzend von ihnen kamen ein paar Tage später zurück, gekleidet in feines Killarc-Tuch aus gesponnenem Silber, begleitet von exotischen Dienern, in prachtvollen Kutschen. Von all denen, die Ynaleighs Billigung fanden, traf keiner auf prächtigere Weise ein als Welyn Naerillic. Der junge Mann, von dem niemand zuvor gehört hatte, kam in einer glänzenden Ebenholzkutsche, gezogen von einem Drachengespann, seine Kleidung war von feinster Machart, und er wurde begleitet von einer Armee der phantastischsten Diener, die man jemals in Ald Anbar gesehen hatte. Diener mit Augen auf allen Seiten des Kopfes, Dienstmädchen, die aus Edelsteinen zu bestehen schienen.

Doch das war noch nicht genug für Ynaleigh.

„Der Mann, der meine Tochter heiratet, muss sich als ein intelligenter Mensch erweisen, denn ich will keinen Volltrottel als Schwiegersohn und Geschäftspartner haben“, erklärte er.

Dies eliminierte einen großen Teil der reichen Freier, die aufgrund ihres Luxuslebens niemals viel hatten denken müssen, wenn überhaupt. Im Verlauf der nächsten Tage meldeten sich dennoch einige, die ihren Geist und ihr Wissen demonstrierten, indem sie die großen Weisen der Vergangenheit zitierten und ihre Philosophien der Metaphysik und Alchemie zur Schau stellten. Auch Welyn Naerillic kam und lud Ynaleigh ein, mit ihm in der Villa zu speisen, die er außerhalb von Ald Anbar gemietet hatte. Dort sah der Landbesitzer ganze Gruppen von Schreibern, die an Übersetzungen von Njka-Traktaten arbeiteten, und genoss die recht respektlose, doch faszinierende Intelligenz des jungen Mannes.

Doch obwohl er von Welyn Naerillic sehr beeindruckt war, hatte Ynaleigh noch eine weitere Herausforderung.

„Ich liebe meine Tochter sehr“, sagte Ynaleigh. „Und ich hoffe, dass der Mann, der sie heiratet, sie auch glücklich machen wird. Sollte einer von Euch sie zum Lächeln bringen, gehören sie und ihre große Mitgift ihm.“

Die Bewerber standen tagelang Schlange, sangen ihr Lieder, erklärten ihre Hingabe oder beschrieben ihre Schönheit in den romantischsten Worten. Genefra funkelte sie nur alle mit Hass und Melancholie an. Ynaleigh, der an ihrer Seite stand, begann schließlich zu verzweifeln. Die Bewerber um seine Tochter scheiterten einer nach dem anderen an dieser Aufgabe. Schließlich betrat Welyn Naerillic den Raum.

„Ich werde Eure Tochter zum Lächeln bringen“, sagte er. „Ich möchte sogar behaupten, ich werde sie zum Lachen bringen, doch erst nachdem Ihr Euch einverstanden erklärt, uns zu verheiraten. Wenn sie nicht innerhalb einer Stunde nach unserer Verlobung fröhlich ist, kann die Hochzeit abgesagt werden.“

Ynaleigh wendete sich zu seiner Tochter um. Sie lächelte nicht, doch ihre Augen hatten beim Erscheinen dieses jungen Mannes interessiert aufgeleuchtet. Da die anderen Freier noch nicht einmal dies bei ihr erreicht hatten, stimmte er zu.

„Die Mitgift wird natürlich erst ausgezahlt, nachdem Ihr verheiratet seid“, sagte Ynaleigh. „Eine Verlobung reicht nicht aus.“

„Darf ich die Mitgift trotzdem einmal sehen?“ fragte Welyn.

Da er wusste, wie sagenhaft der Schatz war, und dass der junge Mann ihm doch wahrscheinlich niemals näher kommen würde, erklärte Ynaleigh sich einverstanden. Er hatte Welyn recht lieb gewonnen. Auf seinen Befehl hin stiegen Welyn, Ynaleigh, die mürrische Genefra und der Kastellan in die Tiefen der Potentatsfestung in Ald Anbar hinab. Zum Öffnen des ersten Gewölbes musste man eine Reihe von Runensymbolen berühren; drückte man auch nur eine Markierung außer der Reihe, so würde ein Schauer von Giftpfeilen auf einen herabregnen. Ynaleigh war besonders stolz auf die nächste Sicherheitsstufe — ein Schloss aus Klingen mit achtzehn Stiften erforderte drei Schlüssel, die gleichzeitig gedreht werden mussten, um den Eintritt freizugeben. Die Klingen waren so arrangiert, dass sie jeden ausweiden würden, der nur eines der Schlösser zu knacken versuchte. Schließlich erreichten sie die Schatzkammer.

Sie war völlig leer.

„Bei Sshamash, wir sind bestohlen worden!“ rief Ynaleigh. „Aber wie? Wer kann das getan haben?“

„Ein einfacher, doch, wenn ich so sagen darf, recht talentierter Einbrecher“, sagte Welyn. „Ein Mann, der Eure Tochter viele Jahre lang aus der Ferne liebte, aber nicht den Glanz oder das Wissen besaß, um zu beeindrucken. Das heißt, bis das Gold ihrer Mitgift mir die Gelegenheit gab.“

„Ihr?“ brüllte Ynaleigh, der es kaum glauben konnte. Und dann geschah etwas noch viel Unglaublicheres.

Genefra begann zu lachen. Sie hatte sich nie träumen lassen, jemandem wie diesem Dieb zu begegnen. Sie warf sich vor den Augen ihres entrüsteten Vaters in seine Arme. Nach einem Augenblick fing auch Ynaleigh an zu lachen.

Genefra und Welyn heirateten einen Monat später. Obwohl er tatsächlich recht arm war und nur geringe Gelehrsamkeit besaß, war Ynaleigh erstaunt, wie sehr sein Vermögen mit einem solchen Schwiegersohn und Geschäftspartner anwuchs. Er machte es sich nur zum Prinzip, niemals zu fragen, wo all das Extra-Gold eigentlich herkam.

Der zweimal bestohlene Geldwechsler

Ferner wird erzählt: Ein Geldwechsler, der einen Beutel mit Gold bei sich hatte, ging einst vor einer Bande Spitzbuben vorüber; da sagte einer von ihnen: »Wenn ich will, so ist dieser Beutel mein.« Sie fragten: »Wieso?« Er antwortete: »Ihr sollt es bald sehen.« Er folgte dem Geldwechsler, welcher, in seinem Haus angelangt, den Beutel auf eine Bank warf und in den Hof ging. Er rief dann seiner Sklavin, sie möchte ihm das Waschbecken bringen; sie ging mit dem Waschbecken in den Hof und ließ die Tür des Zimmers, in welchem der Beutel war, offen. Der Dieb benutzte diesen Augenblick, stahl den Beutel, ging damit zu seinen Freunden und erzählte ihnen den Erfolg seiner Unternehmung. Da sagten ihm seine Freunde von der Gilde: »Wahrlich, was du hier getan, kann jedermann tun, doch wenn jetzt der Geldwechsler aus dem Hof kommt und seinen Beutel nicht findet, wird er die Sklavin dafür bestrafen; wahrlich, du hast nichts Lobenswertes vollbracht; bist du ein geschickter Dieb, so mußt du dafür sorgen, daß die Sklavin nicht geschlagen werde.« Er sagte: »Gut, das will ich.« Der Dieb ging sogleich in das Haus des Geldwechslers zurück, und er hörte vor der Tür, wie dieser seine Sklavin wegen des Beutels bestrafte. Er klopfte an der Tür, und als der Geldwechsler ihn fragte, wer er sei, sagte er: »Ich bin der Diener deines Nachbarn auf dem Bazar, der dich grüßen und dich fragen läßt, warum du auf einmal so leichtsinnig geworden, daß du deinen Beutel vor die Tür deines Ladens hinwirfst und fortgehst, so daß, wenn ihn ein Fremder genommen hätte, er für dich auf immer verloren geblieben wäre.« Er zog bei diesen Worten den Beutel heraus und zeigte ihn dem Geldwechsler. Dieser sagte: »Bei Sshamsh, wahr, hier ist mein Beutel!« Und er streckte seine Hand danach aus, um ihn zu nehmen. Aber der Spitzbube sagte: »Bei Sshamsh, ich gebe dir ihn nicht, bis du mir einen Empfangsschein schreibst und dein Siegel darauf drückst, damit ich meinen Herrn überzeugen kann, daß ich ihn dir überliefert.« Der Geldwechsler ging in sein Kabinett, um ihm den verlangten Schein zu schreiben; aber unterdessen lief der Dieb mit dem Beutel davon und die Sklavin hatte keine Strafe mehr zu befürchten.

Der freigebige Hund

Einst war ein armer Mann so sehr von seinen Gläubigern gedrängt, daß er seine Familie und seine Heimat verlassen und in fremden Ländern bettelnd umherziehen mußte. Hungrig und müde, im zerknirschtesten Seelenzustand, erreichte er eine große, prachtvolle Stadt, von hohen Mauern umgeben. Auf einem großen Platz sah er einige vornehme Leute in ein Haus gehen, das einem königlichen Palast glich, und folgte ihnen in einen Saal, wo ein Mann von sehr ehrwürdigem Aussehen in dessen oberem Ende saß, der gleich einem Vezier von vielen Dienern und Sklaven umgeben war. Der Mann stand vor seinen Gästen auf und hieß sie willkommen. Der Arme aber trat erschrocken zurück, als er diese vielen Diener und andere Pracht und Herrlichkeit sah, und setzte sich aus Furcht in einen Winkel, wo ihn niemand sehen konnte. Als er so dasaß, kam ein Diener mit vier Jagdhunden, die mit kostbarem Seidenstoffe bedeckt waren und goldene Ketten mit silbernen Schellen am Hals hatten, und band jeden derselben in einer Ecke an. Dann ging er weg und kam nach einer Weile wieder mit goldenen Schüsseln, voll von den herrlichsten Speisen, stellte jedem Hund eine solche Schüssel vor und entfernte sich wieder, Der Arme war so sehr von Hunger geplagt, daß er mit Lüsternheit nach den Speisen der Hunde sah, und gern hätte er mit einem derselben gegessen, wenn er sich nicht gefürchtet hätte. Einer dieser Hunde bemerkte dies durch eine göttliche Eingebung, entfernte sich von seiner Schüssel und winkte dem Armen zu, er möchte sich nähern. Der Arme trat herbei und aß, bis er satt war, dann wollte er wieder gehen; aber der Hund gab ihm durch Zeichen zu verstehen, er möge die Schüssel mit allem, was darin ist, nehmen, ja, er schob sie sogar mit der Tatze vor ihn hin. Der Arme nahm sie, ging damit fort und niemand folgte ihm.

Der Arme reiste dann in eine andere Stadt, verkaufte die goldene Schüssel, kaufte Waren dafür und kehrte damit in seine Heimat zurück, verkaufte sie wieder, bezahlte seine Schulden und hatte nun so viel Glück, daß er sehr bald ein reicher Mann wurde. Da dachte er: Ich muß doch noch einmal in jene Stadt reisen, aus der ich die goldene Schüssel genommen, und dem Eigentümer derselben ein schönes Geschenk machen für die Freigebigkeit, die einer seiner Hunde gegen mich ausgeübt, und ihm auch den Wert der Schüssel wieder ersetzen. Er machte sich bald auf die Reise nach jener Stadt; als er aber das Haus suchte, in welchem er die Schüssel gefunden, sah er an dessen Stelle einen Steinhaufen, auf dem Raben krächzten. Die Wohnungen waren verödet und alles hatte ein Ansehen der Verwüstung. Er ließ sich betrübt nieder und dachte nach über den Wechsel der Zeit und des Geschicks. Als er umherblickte, sah er einen armen Mann in einem Grausen erregenden Zustand, der Felsen Erbarmen einflößte; er fragte ihn: »Wie ist das Schicksal gegen den Eigentümer dieses Hauses verfahren? Wo sind die leuchtenden Monde und Sterne? Wo ist das schöne Gebäude hingekommen, von dem nur noch einige Ruinen übrig sind?« Der Arme antwortete, aus einem betrübten Herzen seufzend: »Ein jeder beherzige, was der Gesandte Sshamshes gesagt: Sshamsh hat das Recht, jeden, den er erhoben, auch wieder zu erniedrigen. Frage nicht warum und wieso; denn wer kann über die Launen des Schicksals sich wundem? Wisse, ich war der Eigentümer dieses Hauses, ich habe es erbauen lassen und mir gehörte es mit allem, was darin war. Aber die Zeit hat sich geändert: Ich habe mein ganzes Vermögen verloren, und befinde mich nun, ohne selbst zu wissen warum, in diesem erbärmlichen Zustand.« Auf die Frage des Verarmten, was ihn herführe, erzählte ihm der wieder reich gewordene seine Geschichte mit dem Hund und sagte ihm: Er sei gekommen, um ihm den Wert der goldenen Schüssel zurückzuerstatten, die ihm aus der Not geholfen und um ihm ein ansehnliches Geschenk zu bringen. Aber der Arme schüttelte mit dem Kopf und sagte weinend und schluchzend: »Ich glaube, du hast den Verstand verloren, lieber will ich den größten Mangel dulden, als zurücknehmen, was einer meiner Hunde verschenkt hat. Nimmermehr! Reise wieder hin, wo du hergekommen, ich werde nicht den Wert eines Nagelabschnitts vor dir annehmen.« Der Reiche küßte ihm Hände und Füße, dankte ihm, nahm Abschied und reiste in seine Heimat zurück.

Geschichte des Tusken mit den Bohnen

Unter anderem wird auch erzählt: Als Arraschid, der derzeitige Potentat in Ald Anbar, den Barmekiden Djafar hängen ließ, befahl er, daß wer ihn betrauere und beweine, auch gehängt werden sollte, so daß es natürlich ein jeder unterließ. Eines Tages kam ein Tuske aus entfernter Wüste, der jedes Jahr Djafar ein Gedicht überreichte, für welches er tausend Silber erhielt, womit er und seine Familie das ganze Jahr lebte. Sobald er hörte, daß Djafar gehängt worden, ging er auf den Hinrichtungsplatz, ließ dort sein Kamel niederknieen, seufzte und weinte laut und rezitierte sein Gedicht; dann schlief er ein und sah Djafar im Traum, der ihm sagte: »Du hast meinetwillen diese mühsame Reise unternommen und findest mich nun, wie du siehst; doch geh nach Raksha, frage nach dem Kaufmann N. N. und sage ihm, Djafar der Barmekide läßt ihn grüßen und bei den Bohnen beschwören, dir tausend Silber zu geben.« Der Tuske machte sich sogleich auf den Weg nach Raksha, suchte den Kaufmann auf und trug ihm Djafars Bitte vor. Der Kaufmann weinte so heftig, daß er beinahe sein Leben aufgab, nahm den Tusken mit Auszeichnung auf, bewirtete ihn drei Tage lang und gab ihm am vierten Tage fünfzehnhundert Silberstücke, indem er ihm sagte: »Du erhältst tausend Silber nach Djafars Befehl und fünfhundert als Geschenk von mir.« Auch hieß er ihn jedes Jahr wiederkehren, um tausend Silber in Empfang zu nehmen. Der Tuske beschwor den Kaufmann, er möchte ihm doch sagen, was Djafar mit den Bohnen meinte. Da sagte der Kaufmann: »Ich war früher ein armer Bohnenhändler. Einst ging ich an einem kalten Tag auf dem Markt mit Bohnen umher; meine Kleidung war so schlecht, daß sie mich weder gegen die Kälte, noch gegen den Regen schützte. Ich zitterte vor Frost und fiel einige Male auf den nassen Boden. Dies bemerkte Djafar und bemitleidete meinen schauerlichen Zustand, ließ mich zu sich rufen und sagte mir: »Verkaufe meinem Gefolge diese Bohnen.« Ich holte mein Maß herbei, und so wie ich die Bohnen hergab, füllte Djafar mein Maß mit Gold, bis ich statt meiner Bohnen ein großes Bündel Gold hatte. Zuletzt fragte Djafar: »Hast du nichts mehr?« Ich suchte im Korb und fand nur noch eine Bohne. Djafar nahm sie, teilte sie in zwei Hälften, ging damit in seinen Harem und sagte: »Wer will diese halbe Bohne kaufen?« Eine seiner Frauen sagte: »Ich, für das Bündel Gold, das der Mann trägt.« – »Nun«, sagte Djafar, »ich behalte die andere Hälfte für den doppelten Preis.« Ich glaubte, es sei nur Scherz, aber ein Diener brachte das Gold herbei und legte es in meinen Korb. So hat mich Sshamash, gepriesen sei sein Name, durch Djafar reich gemacht, und wenn ich dir jedes Jahr tausend Silber gebe, so ist dies nur eine geringe Vergeltung für seine Wohltaten gegen mich.«

Tod eines Liebenden aus dem Stamm Uzra

Man erzählt ferner: Unter dem Stamm der Söhne Uzra, einem der gößten Stämme der Tusken, war ein Mann, der keinen Tag ohne eine neue Liebe leben konnte. Einst liebte er ein schönes Mädchen aus seinem Stamm und warb um sie; sie aber verschmähte ihn und wies ihn immerfort ab. Der Mann wurde darüber krank und grämte sich so sehr, daß alle seine Kräfte schwanden und er so schwach und mager wurde, daß seine Liebe kein Geheimnis mehr blieb. Lange baten seine und ihre Verwandten seine Geliebte, sie möchte ihn doch besuchen, aber sie weigerte sich, bis er dem Tod nahe war. Erst als sie sein nahes Ende vernahm, bemitleidete sie ihn und entschloß sich, ihn zu besuchen. Als er sie erblickte, flossen seine Augen in Tränen über und er sprach folgende Verse:

»Wenn du meinen Leichenzug vorüberziehen siehst, wirst du ihm nicht folgen und den Verschiedenen grüßen, der dem Grabe überlassen wird?«

Das Mädchen sagte weinend: »Ich dachte nicht, daß es so weit mit dir gekommen wäre, aber bei den Göttern-In-Allem, ich will dir alles gewähren, was du von mir forderst« Da rezitierte er weinend folgenden Vers:

»Sie nahet mir, wenn Todesschatten uns trennen, und will mir gehören, wenn ich sie nicht mehr besitzen kann.«

Dann atmete er tief und verschied. Das Mädchen weinte, küßte ihn und fiel in Ohnmacht, und nach drei Tagen starb auch es und wurde in sein Grab gelegt.

Wunderbare Erfüllung eines Traumes

Man erzählt ferner: Ein sehr begüterter Mann aus Akkon verlor sein ganzes Vermögen und hatte viele Mühe, sich sein tägliches Brot zu erwerben. Eines Nachts, als er sich in trauriger Stimmung niederlegte, erschien ihm im Traum jemand, der ihm sagte: »Du wirst deinen Lebensunterhalt in Ald Anbar finden, reise dahin.« Der Mann machte sich des Morgens auf und trat seine Reise nach Ald Anbar an. Da er des Abends daselbst ankam, ging er in einen Sshamsh Tempel und schlief darin. In derselben Nacht drangen Diebe von dem Tempel aus in ein daran stoßendes Haus, um es zu bestehlen. Aber die Bewohner dieses Hauses erwachten und machten Lärm. Die Polizei kam herbei, und die Diebe entflohen wieder durch den Tempel. Als der Polizeioberste in den Tempel kam und den Mann aus Akkon fand, den er für einen der Diebe hielt, ergriff er ihn, ließ ihn fast tot prügeln und ins Gefängnis werfen.

Nach drei Tagen wurde er vor den Polizeiobersten geführt, der ihn fragte, woher er wäre und was er in Ald Anbar täte? Er antwortete: »Ich wohne in Bagdad und bin hierher gekommen, weil mir jemand im Traum gesagt, ich werde hier meinen Lebensunterhalt finden; nun fand ich aber nichts, als die Prügel, die du mir erteilen ließest.« Der Polizeioberste lachte so herzlich, daß er alle seine Zähne zeigte, und sagte: »Du dreifach unverständiger Mensch, mir ist jemand im Traum erschienen, der mir sagte: In dem Stadtviertel N. N. in Akkon ist ein Haus, das so und so aussieht, in dessen Hof ist ein Gärtchen, mit einem Pistazienbaum; dort ist Geld begraben, das von einem Verbrechen herrührt, geh hin und nimm es! Und doch bin ich hier geblieben, und du törichter Mensch machst eine solche Reise wegen eines eitlen Traumes.« Er gab ihm dann einige Drachmen und sagte ihm: »Suche damit deine Rückkehr anzutreten.« Der Mann nahm das Geld und kehrte damit nach Akkon zurück, ging in sein Haus, welches kein anderes war, als das vom Polizeiobersten von Ald Anbar beschriebene, ließ unter dem Baum aufgraben, und fand so viel Geld darunter, daß er wieder reicher war, als zuvor.

Geschichte des Kaufmanns mit dem Geiste

Man behauptet, o glückseliger, einsichtsvoller Zuhörer, es sei einmal ein reicher, wohlhabender Mann gewesen, der viele Güter, Sklaven, Bediente, Weiber und Kinder besaß, und in allen Ländern Waren und Schulden ausstehen hatte. Dieser bestieg einst sein Tier, nachdem er einen Quersack mit Lebensmitteln, aus Zwieback und mekkanischen Datteln bestehend, gefüllt, und reiste nach Sshamshs Willen viele Tage und Nächte. Sshamsh hatte ihm eine glückliche Reise bestimmt, und er erreichte das erwünschte Land, machte seine Geschäfte dort ab, und trat die Rückreise nach seiner Heimat und zu seiner Familie an. Als er am dritten, vierten Tage auf der Reise war, in der Wüste Anbar, ward ihm sehr heiß, und als die Hitze immer heftiger ward, sah er einen Garten vor sich, in welchem er Schatten zu finden hoffte. Er stellte sich unter einen Nußbaum, neben welchem eine Wasserquelle rann, setzte sich neben denselben, band sein Tier fest, nahm einige Zwiebacke und Datteln aus dem Quersacke, aß und warf die Dattelkerne rechts und links, bis er satt war, dann stand er auf, wusch sich und betete. Nachdem er dieses vollendet hatte, kam auf einmal ein alter Geist auf ihn zu. Seine Füße waren auf der Erde und sein Kopf in den Wolken; er hatte ein gezogenes Schwert in der Hand, ging auf den Kaufmann los, blieb dann vor ihm stehen und schrie ihm zu: »Steh auf, daß ich dich mit diesem Schwerte umbringe, wie du mein Kind umgebracht.« Als der Kaufmann die Worte des Geistes hörte, und ihn ansah, erschrak er und fürchtete sich sehr vor ihm: »Mein Herr! für welches Vergehen willst du mich umbringen?« Der Geist antwortete: »Ich will dich umbringen, wie du meinen Sohn umgebracht.« Der Kaufmann fragte: »Wer hat denn dieses getan? und der Geist antwortete: »Du«. Da sprach der Kaufmann: »Ich habe ihn bei Sshamsh nicht umgebracht, wo, wann und wie soll ich ihn denn getötet haben?«

Da entgegnete der Geist: »Bist du nicht hier gesessen und hast Datteln aus deinem Sack genommen, die Datteln gegessen und die Kerne rechts und links geworfen?« »Es ist wahr, dieses habe ich getan,« antwortete der Kaufmann. »Nun,« versetzte der Geist, »auf diese Weise hast du meinen Sohn getötet; denn während du aßest und die Kerne wegwarfst, ging mein Sohn vorüber, es traf ihn ein Kern und tötete ihn. Und spricht nicht das Gesetz: wer tötet, soll wieder getötet werden?« Der Kaufmann sagte: »Ich gehöre Sshamsh und dem Reichtum und wende mich zu ihm, es gibt keine Macht und keinen Schutz, außer beim erhabenen Sshamsh; wenn ich wirklich dein Kind getötet habe, so habe ich es ungern getan, du solltest mir also wohl verzeihen.« Aber der Geist antwortete: »Keineswegs, du mußt umgebracht werden!« Hierauf ergriff er ihn, streckte ihn auf den Boden hin, und hob das Schwert auf, ihn zu töten; da weinte der Kaufmann und schrie nach seiner Familie, seiner Frau und seinen Kindern, er glaubte schon zu sterben und vergoß so viele Tränen, daß seine Kleider davon naß wurden, und sagte: »Es gibt nur bei dem erhabenen Sshamsh Macht und Schutz!« Hierauf sprach er folgende Verse:

»Die Zeit besteht aus zwei Tagen, der eine gewährt Sicherheit, der andere droht Gefahren; das Leben besteht aus zwei Teilen, der eine ist klar, der andere trübe; siehst du nicht, wenn Sturmwinde toben, wie sie nur die Gipfel der Bäume erschüttern? Wie manches Grüne und Dürre ist auf der Erde und doch wird nur das, was Früchte hat, mit Steinen geworfen. Im Himmel sind zahllose Sterne, und nur Sonne und Mond verlieren zuweilen ihr Licht. Du hast eine gute Meinung von den Tagen, wenn sie schön sind, und berechnest nicht, was das Schicksal noch bringt. Die Nächte haben dich in Ruhe gelassen, und du ließest dich durch sie täuschen; während die Nacht am klarsten scheint, kommt aber das Unglück herbei.«

Als der Kaufmann diese Verse gesprochen und sich satt geweint hatte, sagte der Geist abermals: Jetzt muß ich dich umbringen.« Da flehte der Kaufmann: »Kann es nicht anders sein?« »So muß es geschehen,« antwortete der Geist, und hob wieder das Schwert auf, um ihn zu töten.
»Nun, stolzer Geist, willst du mich denn durchaus töten?« »Gewiß,« erwiderte der Geist. Da sagte der Kaufmann: »Willst du mir nicht Zeit lassen, bis ich von meiner Familie, von meiner Frau und meinen Kindern Abschied genommen, bis ich mein Erbe unter ihnen verteilt und meinen letzten Willen ihnen bekannt gemacht habe? Wenn alles dies geschehen, will ich zu dir zurückkehren, und dann kannst du mich töten.« Der Geist antwortete hierauf: »Ich fürchte, wenn ich dich loslasse, daß du nicht mehr wiederkehren wirst.« Da sagte der Kaufmann: »Ich schwöre dir einen Eid und nehme den Herrn des Himmels und der Erde zum Zeugen, daß ich wieder zu dir kommen werde.« Nun sagte der Geist: »Wie lange Frist begehrst du?« »Ich fordere ein Jahr,« erwiderte der Kaufmann, »bis ich von meinen Kindern und meiner Familie Abschied genommen und mich von dem mir anvertrauten Gute befreit habe; zu Anfang des nächsten Jahres komme ich dann wieder.« Da fragte der Geist noch einmal: »Bürgt mir Sshamsh für deine Wiederkehr?« »Sshamsh bürgt dir für meine Worte,« antwortete der Kaufmann.

Als er nun so geschworen und ihn der Geist losgelassen, bestieg er sein Tier wieder, machte sich mit traurigem Herzen auf den Weg, und reiste in einem fort, bis er nach seiner Heimat kam. Als er seine Kinder und seine Frau sah, fing er an viele Tränen zu vergießen und höchst betrübt und niedergeschlagen zu werden. Seine Leute wunderten sich über ihn, und seine Frau fragte ihn, was ihm fehle und warum er so weine und so niedergeschlagen wäre, während sie sich doch alle über seine Ankunft freuten. »Wie soll ich nicht jammern,« antwortete er, »da ich nur noch ein Jahr und nicht mehr zu leben habe.« Hierauf erzählte er ihnen, was ihm auf der Reise mit dem Geiste widerfahren und wie er ihm geschworen, daß er nach einem Jahr wiederkehren werde, um sich von ihm töten zu lassen. Als sie dies vernahmen, weinten sie alle. Die Frau schlug sich ins Gesicht und riß sich die Haare aus, die Töchter stießen Jammergeschrei aus, und die Söhne groß und klein schrieen laut. Alles trauerte, die Kinder weinten den ganzen Tag um ihren Vater herum, und sie nahmen gegenseitig Abschied voneinander. Am folgenden Tage fing er an sein Erbteil unter ihnen zu verteilen und sein Testament zu machen; er machte sich auch von den Leuten frei, denen er etwas schuldig war, gab große Geschenke und Almosen, und nahm Leute an, die den Koran für ihn lesen mußten. Dann ließ er Zeugen und Gerichtsschreiber kommen, schenkte seinen Sklaven und Sklavinnen die Freiheit, gab den erwachsenen Kindern ihren Teil von seinem Vermögen, machte ein Testament für den Teil der Kleinen, gab seiner Frau, was ihr verschrieben war, und so war er beschäftigt, bis das Jahr abgelaufen und nur noch so viel davon übrig blieb, als er zur Reise brauchte. Nun schickte er sich zur Reise an, wusch sich, betete, nahm sein Totengewand und sagte seiner Frau und seinen Kindern Lebewohl. Diese schrieen und weinten alle zusammen, und auch er vergoß viele Tränen und sprach zu ihnen: »Bei meinem Haupt und bei meinen Augen, dies ist ein Beschluß Sshamsh, es ist sein Urteil und seine Bestimmung, der Mensch ist eben nur zum Tode geschaffen.« Jetzt nahm er zum letztenmale Abschied, bestieg sein Tier, reiste Tag und Nacht, bis er zu dem Garten gelangte. Es war gerade ein Jahr verstrichen. Er setzte sich an den Ort, wo er die Datteln gegessen, und erwartete mit traurigem Herzen und weinenden Augen den Geist. Während er so dasaß, kam ein alter Mann mit einer Gazelle an einer Kette auf ihn zu und grüßte ihn. Der Kaufmann erwiderte seinen Gruß und der Alte fragte ihn, was er hier tue an diesem Orte der Geister und Teufelskinder; denn dieser Garten ist von Dämonen bewohnt und es geht keinem gut, der darin verweilt. Der Kaufmann erzählte ihm seine ganze Geschichte mit dem Geiste von Anfang bis zu Ende. Der Alte wunderte sich sehr, wie er hörte, daß er hier seinen Tod erwarte, und sagte: »Du mußt ein Mann von großer Redlichkeit sein.« Hierauf setzte er sich neben ihn und sprach: »Ich werde nicht von hier weichen, bis ich sehe, wie es dir mit dem Geiste gehen wird.« Sie blieben nun beisammen sitzen und unterhielten sich miteinander.

Ich hörte, o glückseliger Zuhörer, daß, während der Kaufmann mit dem Alten der Gazelle sich unterhielt, noch ein alter Mann mit zwei schwarzen wolfartigen Hündinnen dazu kam; er grüßte sie und die beiden erwiderten seinen Gruß; dann sagte er, was sie hier täten, und der Alte mit der Gazelle erzählte jenem die Geschichte des Kaufmanns mit dem Geiste, dem er geschworen, wieder zu kommen, und den er nun erwarte, um von ihm getötet zu werden. »Ich kam nur zufällig hierher,« setzte er hinzu, »aber ich schwor, nicht von hier zu weichen, bis ich sehe, was zwischen ihm und dem Geiste sich ereignen wird.« Als der Mann mit den Hündinnen dies hörte, wunderte er sich besonders darüber, daß der Kaufmann seinen Eid so treu gehalten, und sagte: »Auch ich kann diesen Ort nicht verlassen, bis ich weiß, was sich zwischen dem Kaufmann und dem Geiste zutragen wird.« Während sie so im Gespräch waren, kam noch ein alter Mann mit einem schlechten mageren Maultiere; nach gegenseitigem Gruße fragte dieser: »Was tut ihr hier und warum ist der Kaufmann so traurig und niedergeschlagen?« Die beiden Alten erzählten ihm nun die Geschichte und sagten ihm auch, daß sie hier warten wollten, um zu sehen, wie es ihm mit dem Geist ergehen werde. Als der Alte dies hörte, sagte er: »Auch ich, bei Sshamsh,will nicht von hinnen weichen, bis ich sehe, was sich mit diesem Mann und dem Geiste ereignen wird; er setzte sich hierauf zu ihnen, und sie unterhielten sich eine kleine Weile. Da kam auf einmal ein großer Staub aus der Wüste hergezogen und der Geist erschien mit einem bloßen Schwerte von Stahl in der Hand und ging auf sie zu, ohne sie zu grüßen. Als er bei ihnen war, zog er den Kaufmann an der linken Hand in die Höhe und sprach: »Steh auf, daß ich dich töte!« Der Kaufmann weinte, und die drei Alten weinten auch und jammerten laut.

»Man behauptet, o glückseliger Zuhörer, daß, als der Geist den Kaufmann töten wollte, der erste Alte mit der Gazelle auf jenen zuging und ihm Hände und Füße küßte, und also sprach: »O du Krone der Könige der Geister, wenn ich dir erzähle, was mir mit dieser Gazelle widerfahren, und du meine Erzählung noch wunderbarer findest, als das, was dir mit dem Kaufmann begegnet, wirst du mir zuliebe ihm ein Drittel seiner Schuld verzeihen?« »Recht gern,« entgegnete der Geist. Und der Alte erzählte:

Geschichte des ersten Greises mit der Gazelle

»Wisse, o Geist, daß diese Gazelle die Tochter meines Oheims ist; sie ist mein Blut und von Kindheit an meine Frau, denn sie war erst zehn Jahre alt, als ich sie heiratete, und ist folglich erst bei mir mannbar geworden. Ich lebte dreißig Jahre mit ihr, ohne mit einem Kinde beglückt zu werden; doch hatte ich während dieser ganzen Zeit ihr immer viel Gutes erzeigt und sie geehrt. Aber ich kaufte noch eine Sklavin, die mir einen Knaben gebar, schön wie der Mond. Jetzt wurde meine erste Frau eifersüchtig. Als mein Sohn zwölf Jahre alt war, mußte ich eine Reise unternehmen; ich empfahl ihn meiner Frau aufs angelegentlichste, ihn und seine Mutter. Ein Jahr blieb ich aus. Während meiner Abwesenheit hatte meine Frau die Zauberkunst gelernt; sie nahm meinen Sohn und verzauberte ihn in ein Kalb, ließ meinen Hirten kommen und übergab ihm das Kalb und sagte: »Laß dieses Kalb mit den Stieren weiden.« Dann verzauberte sie die Mutter in eine Kuh und übergab sie ebenfalls den Hirten. Als ich nun bei der Rückkehr meine Frau nach dem Sohn und seiner Mutter fragte, sagte sie mir, die Mutter sei gestorben und der Sohn vor zwei Monaten davongelaufen; sie aber habe seither nichts mehr von ihm gehört.

Als ich diese Worte vernahm, entbrannte mein Herz über meinen Sohn und bekümmerte sich um die Mutter. Ich stellte ein ganzes Jahr Nachforschungen nach meinem Sohn an. Nun kam das große Fest Sshamsh, ich schickte zum Hirten hin und ließ ihm sagen, er möge mir eine fette Kuh bringen, damit ich das Fest feiern könne. Er brachte mir meine verzauberte Frau. Als ich sie nun binden ließ und sie schlachten wollte, weinte und seufzte sie: »Mbu! Mbu!« und die Tränen liefen ihr über die Wangen herunter: ich war darüber erstaunt, blieb gerührt vor ihr stehen und sagte dem Hirten: »Bringe mir eine andere.« Da sagte meines Oheims Tochter: »Schlachte nur diese, denn er hat keine bessere und keine fettere, wir wollen sie daher am Festtage verzehren.« Ich ging wieder auf sie zu, um sie zu schlachten, aber sie schrie wieder: »Mbu! Mbu!« Ich blieb vor ihr stehen und sagte hierauf zum Hirten: »Schlachte du sie, statt meiner.« Er schlachtete sie und zog ihr die Haut ab, aber er da fand er weder Fleisch noch Fett, es war nichts an ihr als Haut und Knochen. Ich bereute es, sie geschlachtet zu haben, und sagte zu dem Hirten: »Nimm du sie, oder gib sie wem du willst, und suche mir ein fettes Kalb heraus.« Er nahm die Kuh und ging fort; ich weiß nicht, was er mit ihr getan; dann kam er wieder und brachte mir meinen Sohn, die Seele meines Herzens, in des Gestalt eines fetten Kalbes. Als mein Sohn mich sah, zerriß er das Seil, das an seinem Kopf befestigt war, sprang auf mich zu und legte seinen Kopf auf meine Füße. Ich wunderte mich darüber, war gerührt und bemitleidete durch eine geheime göttliche Kraft mein eigenes Blut. Mein Innerstes kam in Bewegung, als ich die Tränen des Kalbes, meines Sohnes sah, wie sie über seine Wangen herabflossen und wie es dabei mit seinen Vorderfüßen die Erde scharrte; ich ließ es nun los und sprach zu dem Hirten: »Laß dieses Kalb bei der Herde und verpflege es gut und bring mir ein anderes!« Da schrie meines Oheims Tochter, diese Gazelle hier: »Schlachte kein anderes als dieses Kalb!« Ich erzürnte mich und sagte: »Ich habe dir schon gehorcht, als ich die Kuh schlachtete, und es hat nichts genützt, nun werde ich dir aber bei diesem Kalb kein Gehör geben und es nicht schlachten.« Sie drang aber in mich und sprach: »Dieses Kalb muß geschlachtet werden;« sie nahm dann ein Messer und ließ das Kalb binden.

Ich habe vernommen, o glückseliger Zuhörer, daß der Alte mit der Gazelle zu dem Geiste sagte: »Ich nahm ihr das Messer aus der Hand und wollte selbst mein Kind schlachten, da schluchzte und weinte es, legte seinen Kopf auf meine Füße, streckte die Zunge heraus, gleichsam um mir ein Zeichen zu geben. Ich aber wandte mich von ihm ab und ließ es los, denn mein Herz war zu gerührt. Hierauf sprach ich zu meiner Gemahlin: »Ich empfehle dir dieses Kalb, das ich eben losgelassen.« Sie gab sich zufrieden, als ich ihr versprach, es zum nächsten Feste zu schlachten, und sie willigte ein, jetzt ein anderes zu töten.« So verging diese Nacht. Am folgenden Morgen, als es hell geworden, kam der Hirte zu mir, ohne daß meine Frau etwas merkte, und sagte: »Mein Herr, ich habe dir eine gute Nachricht zu bringen, wirst du mir deshalb wohl ein Geschenk machen?« »Du sollst eines haben,« erwiderte ich; »erzähle nur!« Da sagte er wieder; »Ich habe eine Tochter, die zaubern kann und Beschwörungen gelernt hat; als ich gestern mit dem Kalbe, das du freigelassen, nach Hause kam, um es mit den anderen jungen Stieren weiden zu lassen, betrachtete meine Tochter dasselbe und weinte und lachte. Ich fragte sie: »Warum weinst und lachst du so?« Und sie antwortete mir: »Dieses Kalb ist der Sohn unseres Herrn, des Eigentümers dieses Viehes; er ist von der Gemahlin seines Vaters verzaubert worden, darum lache ich. Weinen muß ich über seine Mutter, die sein Vater geschlachtet hat.« Ich konnte kaum die Morgenröte erwarten, um dir diese gute Nachricht vom Leben deines Kindes zu bringen.« Als ich, o Geist, dies hörte, schrie ich laut auf und fiel in Ohnmacht. Nachdem ich wieder zu mir gekommen war, ging ich mit dem Hirten in sein Haus, lief zu meinem Sohne, warf mich über ihn her, umarmte ihn und weinte. Er wandte seinen Kopf nach mir, aus seinen Augen flossen Tränen und er streckte seine Zunge heraus, gleichsam um mich auf seinen Zustand aufmerksam zu machen. Ich wendete mich hierauf zur Tochter des Hirten und sagte zu ihr: »Wenn du ihn wieder vom Zauber befreien kannst, so schenke ich dir mein Vieh und alles, was ich sonst besitze.« Sie beteuerte mir, daß sie weder nach meinem Vieh, noch nach meinem anderen Besitztum gelüste. »Nur unter zwei Bedingungen,« sprach sie, »will ich deinen Sohn befreien: Erstens mußt du mich mit ihm verheiraten und zweitens mußt du mir erlauben, die zu verzaubern, die ihn in diesen Zustand versetzt hat, denn sonst werde ich immer ihre Bosheit und ihre Ränke gegen ihn zu befürchten haben.« Ich erwiderte: »Ganz gut, ich gebe dir und meinem Sohne noch mein Vermögen obendrein; ebenso gebe ich dir volle Macht über die Tochter meines Oheims, die so gegen meinen Sohn gehandelt und mich überredet hat, seine Mutter zu schlachten; ich will sie dir bringen, du magst mit ihr verfahren, wie du willst.« Sie antwortete: »Ich will ihr nur das zu kosten geben, womit sie andere speiste.« Hierauf füllte sie eine Schüssel mit Wasser, sprach den Zauber darüber, beugte sich dann zu meinem Sohne und sagte: »O du Kalb, bist du ein Geschöpf des Allgewaltigen, Allmächtigen Sshamsh, so bleibe unverändert! bist du aber treulos verzaubert, so verlasse diese Gestalt und nimm mit Erlaubnis des Schöpfers der Welt wieder eine menschliche an!« Sie bespritzte ihn dann mit dem Wasser aus der Schüssel, und er ward wieder ein Mensch wie früher; es dauerte aber nicht lange, da fiel ich ohnmächtig auf ihn hin. Als ich wieder zu mir gekommen war, erzählte er, was die Tochter meines Oheims, diese Gazelle hier, ihm und seiner Mutter getan. Ich sagte ihm: »Nun, mein Sohn hat uns ein Wesen gesandt, das für dich, deine Mutter und mich an ihr Rache nehmen wird.« Hierauf verheiratete ich meinen Sohn mit der Tochter des Hirten, die schön war wie der Vollmond, dabei sehr geschickt, gelehrt und kenntnisreich, viele Dichter gelesen und Zauber und Schwarzkunst gelernt hatte. Sie verzauberte die Tochter meines Oheims hier in die Gestalt einer Gazelle und sagte: »Dir zu lieb habe ich sie in eine schöne Gestalt verzaubert, damit ihr Anblick dir nicht zum Abscheu werde.« Und sie blieb Jahre und Monate bei uns; dann starb die Frau meines Sohnes, die Tochter des Hirten, und mein Sohn reiste in das Land des jungen Mannes, mit dem dir dieses Abenteuer begegnet ist. Ich ging nun, meinen Sohn zu besuchen, und nahm die Tochter meines Oheims, diese Gazelle hier, mit mir, und so kam ich hierher zu euch. Dies ist meine Geschichte; ist sie nicht sonderbar und wundervoll?«

»Nun«, antwortete der Geist, »ich schenke dir den dritten Teil seiner Schuld.« Hierauf, o erhabener König, kam der zweite Alte, der mit den beiden schwarzen Hunden und sprach: auch ich will dir erzählen, was mir mit meinen Brüdern, diesen beiden schwarzen Hunden, widerfahren ist; du wirst sehen, daß meine Erzählung noch wunderbarer und unglaublicher als die dieses Mannes ist. Wirst du, wenn ich dir sie erzähle, mir auch einen Dritteil seiner Schuld schenken?« »Jawohl,« antwortete der Geist.

Geschichte des zweiten Greises mit den beiden Hunden

Hierauf sprach der zweite Alte mit den beiden Hunden also: »Folgendes ist meine Geschichte, o Geist: Diese zwei Hunde sind meine zwei Brüder; wir waren, als unser Vater starb, drei Brüder; er hinterließ uns 3000 Silber; ich eröffnete einen Laden und kaufte und verkaufte, ebenso meine Geschwister. Es dauerte nicht lange, da verkaufte mein ältester Bruder, einer dieser Hunde, alles, was er im Laden hatte, für 1000 Silber, kaufte verschiedene Waren mit diesem Gelde ein und reiste weg; er blieb ein volles Jahr aus. Eines Tages, als ich in meinem Laden saß, stand er bettelnd vor mir; ich sagte: »Sshamsh helfe dir!« Da sprach er weinend: »Kennst du mich nicht mehr?« Ich betrachtete ihn näher und sah, daß es mein Bruder war; ich hieß ihn willkommen, trat mit ihm in den Laden, fragte ihn, wie es ihm ginge, und er antwortete mir: »Frage mich nicht, denn es ist mir schlecht ergangen; alles Geld ist dahin.« Ich brachte ihn dann ins Bad, gab ihm eines meiner Kleider anzuziehen und nahm ihn zu mir. Als ich nun meine Rechnungen über mein Geschäft in Ordnung brachte und fand, daß mein Kapital von 1000 Silber sich verdoppelt hatte, so teilte ich es mit meinem Bruder und sagte ihm: »Nun denke dir, du seiest gar nicht abgereist gewesen.« Er nahm das Geld voller Freude und eröffnete wieder einen Laden. Ich lebte so viele Tage und Nächte; da ging mein zweiter Bruder, der andere Hund hier, verkaufte auch, was er hatte, sammelte sein Vermögen ein und wollte ebenfalls eine Reise machen. Wir rieten ihm ab; er bestand aber darauf, reiste mit einer Karawane fort und blieb ein volles Jahr aus; dann kam er in demselben Zustand wieder zu mir, wie sein älterer Bruder. Ich sagte ihm: »Wie, mein Bruder, habe ich dir nicht von deiner Reise abgeraten?« Er erwiderte weinend: »O mein Bruder, es war so meine Bestimmung; nun bin ich arm, ich besitze keinen Dirham, ich bin nackt und habe kein Hemd.« Ich nahm ihn dann, o Geist! mit mir ins Bad, gab ihm eins von meinen neuen Kleidern anzuziehen, ging mit ihm in meinen Laden, wo wir aßen und tranken. Hierauf sprach ich zu ihm: »Ich will nun, wie alljährlich, die Rechnungen schließen, und was ich gewonnen, will ich mit dir teilen.« Hierauf, o Geist, machte ich die Rechnung von meinem Geschäft und fand 2000 Silber. Ich dankte dem erhabenen Schöpfer, gab 1000 Silber meinem Bruder und behielt 1000 für mich, und mein Bruder eröffnete aufs neue einen Laden. So lebten wir einige Zeit, da kamen meine Brüder zu mir und wollten, daß ich mit ihnen reise; ich weigerte mich und sprach zu ihnen: »Was habt ihr bei euren Reisen gewonnen, so daß auch ich einen Gewinn erwarten könnte?« Ich gab ihnen kein Gehör, und wir blieben wieder in unseren Läden und handelten. Sie aber schlugen mir alle Jahre von neuem vor, mit ihnen zu reisen; ich wollte nie einwilligen, bis zum sechsten Jahre, da sagte ich zu ihnen: »Seht, meine Brüder, ich will wohl mit euch reisen, doch will ich zuerst sehen, was ihr an Vermögen habt.« Als ich suchte, fand ich nichts bei ihnen, denn sie hatten durch Essen, Trinken und allerlei Gelüste alles verschwendet. Ich sagte ihnen kein Wort, machte die Rechnung von dem, was ich an Geld und Waren im Laden hatte, und fand 6000 Silber. Dies freute mich, und nachdem ich zwei Teile daraus gemacht, sagte ich zu beiden. »Hier sind 3000 Silber für euch und für mich, daß wir damit handeln.« Ich vergrub dann die übrigen 3000 Silber für den Fall, daß es mir ginge, wie es meinen Brüdern ergangen, damit ich wieder 3000 Silber fände, um einen Laden eröffnen zu können. Es waren beide damit zufrieden; ich gab jedem 1000 Silber und behielt 1000 für mich; wir kauften die nötigen Waren ein, bereiteten uns zur Reise vor, mieteten ein Schiff und reisten, auf Sshamsh vertrauend, Tag und Nacht und Nacht und Tag.«

»Ich reiste nun einen Monat lang auf dem Meere mit meinen Brüdern, diesen beiden Hunden, da kamen wir vor eine große Stadt; wir gingen hinein, verkauften unsere Waren so gut, daß wir an einem Silber zehn gewannen. Damit kauften wir andere Waren ein und wollten abreisen; da fand ich am Ufer des Meeres ein Mädchen mit zerrissenen Kleidern. Es küßte meine Hand und sagte: »Mein Herr, tu mir einen Gefallen, du wirst dafür belohnt werden, der Schöpfer wird mir wohl die Mittel verschaffen, dir deine Wohltat zu vergelten.« Ich sagte ihr: »Gut, ich will dir einen Gefallen erweisen, ohne daß du mich dafür zu belohnen brauchst.« Sie sprach hierauf: »Heirate mich und schenke mir Kleider und nimm mich mit als deine Frau; schon besitzest du mein Herz, sei daher wohltätig gegen mich, ich werde dich dafür belohnen, laß dich nur von meinem armseligen Zustand nicht abschrecken.« Als ich das hörte, bekam ich nach Sshamshs Eingebung Mitleid mit ihr, ich nahm sie mit aufs Schiff, machte ihr ein Lager zurecht und näherte mich ihr. Wir reisten Tag und Nacht; ich liebte sie immer mehr, denn sie war schön wie der Vollmond am Himmel; ich war stets um sie und vergaß durch sie meine beiden Brüder; diese Hunde, ganz. Sie aber waren neidisch und gönnten mir mein Glück nicht, auch waren sie nach meinem Vermögen und Wohlstand lüstern, daher sprachen sie davon, mich umzubringen, denn der Teufel hatte ihnen diese Tat schön vorgemalt. Als ich nun in einer Nacht mit meiner Frau fest schlief, nahmen sie uns beide und warfen uns ins Meer. Aber meine Frau verwandelte sich sofort in einen Geist und trug mich auf eine Insel. Als Sshamsh Tag werden ließ, sprach sie zu mir: »Nun, mein Gatte, habe ich dich belohnt, indem ich dich vom Tode befreite. Wisse, daß ich zu den guten Genien gehöre, die alles im Namen Sshamshs tun. Als ich dich am Ufer des Meeres gesehen, liebte ich dich sogleich und ging zu dir in dem Zustande, wie du mich sahst, erklärte dir meine Liebe, und du nahmst mich auf; jetzt aber muß ich deine Brüder umbringen.« Als sie so zu mir sprach, war ich über ihre Handlungsweise sehr erstaunt; ich dankte ihr und bat, sie solle meine Brüder nicht umbringen, sonst würde auch ich sterben. Ich erzählte ihr hierauf alles was mir schon mit ihnen widerfahren war. Als sie meine Erzählung angehört, erzürnte sie sich heftig gegen sie und sagte: »Sogleich soll ihr Schiff untergehen, damit sie umkommen.« Ich bat sie bei Sshamsh, daß sie dies nicht tun möge. »Es gibt einen Spruch,« sagte ich: »Vergelte Böses mit Gutem! Es sind ja doch meine Brüder!« Hierauf drang ich in sie und mäßigte ihren Zorn; sie hob mich in die Luft und flog mit mir so hoch, daß man uns nicht mehr sehen konnte; dann ließ sie mich auf das Dach meines Hauses nieder. Ich ging ins Haus hinunter, grub die 3000 Silber aus der Erde und öffnete meinen Laden wieder. Als ich abends, nachdem mich alle Leute vom Markte gegrüßt, in mein Haus zurückkehrte, fand ich diese beiden Hunde dort angebunden. Als sie mich sahen, seufzten sie mir zu, hingen sich an mich und vergossen Tränen; ich erschrak darüber und wußte nicht, was vorgefallen; da kam meine Frau und sprach: »Mein Herr! hier sind deine Brüder.« Ich fragte sie, wer so mit ihnen verfahren. Sie antwortete: »ich habe es über sie verhängt, und erst in zehn Jahren werden sie frei werden.« Hierauf verließ sie mich, nachdem sie mir ihren Wohnort angegeben. Nun sind die zehn Jahre verstrichen, und ich machte mich mit ihnen auf den Weg, damit sie erlöst werden. Hier fand ich nun diesen Mann und diesen Greis mit der Gazelle; ich erkundigte mich nach dem Zustande des jungen Mannes, er erzählte mir, was ihm mit dir widerfahren, und ich beschloß, nicht von hinnen zu weichen, bis ich sehe, was unser Herr, der Geist, dem Manne tun wird. Dies ist meine Erzählung, ist sie nicht wunderbar?«

Da sprach der Geist: »Ich schenke dir das Dritteil seiner Schuld.«

Der dritte Greis trat nun hervor und sprach also: »O du Geist, mein Herr! du wirst mich wohl nicht betrüben und mir auch ein Dritteil seiner Schuld schenken, wenn ich dir meine Geschichte mit diesem Maultier erzählt haben werde, die noch wunderbarer und befremdender als die Geschichte dieser beiden ist.« »Erzähle,« versetzte der Geist und der Greis hub an:

Geschichte des dritten Greises mit dem Maultiere

»Höre, o Geist! diese Mauleselin war meine Gemahlin. Ich machte einst eine Reise und war ein volles Jahr von ihr weggeblieben. Nach vollendeten Geschäften kam ich in der Nacht wieder nach Hause zurück. Als ich ins Zimmer trat, fand ich einen schwarzen Sklaven bei ihr; sie unterhielten sich miteinander, warfen sich verliebte Blicke zu, scherzten und küßten und neckten einander. Als sie mich sah, kam sie mir mit einem Becher voll Wasser entgegen, sprach einige Worte darüber, besprengte mich damit und sagte: »Verlasse deine Gestalt und nimm die eines Hundes an.« Sogleich ward ich zum Hunde und sie jagte mich aus dem Hause. Ich lief in einem fort bis zu dem Laden eines Metzgers; dort fraß ich die Knochen, die unter seinem Tische lagen. Als der Metzger mich sah, nahm er mich zu sich, und als seine Tochter mich betrachtete, bedeckte sie ihr Gesicht vor mir und sagte zu ihrem Vater: »Was bringst du einen fremden Mann zu uns herein?« Ihr Vater antwortete: »Wo ist ein Mann?« »Diesen Hund,« antwortete sie, »hat seine Frau verzaubert; doch, ich kann ihn befreien.« Als ihr Vater dies hörte, sprach er zu ihr: »Bei Sshamsh, meine Tochter! Befreie ihn, du wirst damit eine gute Tat ausüben.« Die Tochter des Metzgers stand nun auf, nahm einen Becher voll Wasser, murmelte etwas vor sich hin, bespritzte mich mit dem Wasser ein wenig und sagte dann zu mir: »Kehre wieder in deine frühere Gestalt zurück mit der Erlaubnis des erhabenen Sshamsh.« Als ich nun meine frühere Gestalt angenommen, küßte ich ihre Hände und sprach: »Ich beschwöre dich bei Sshamsh, verzaubere meine Frau, so wie sie mich verzaubert hat.« Hierauf gab sie mir ein wenig von jenem Wasser und sagte: »Wenn sie schläft, so bespritze sie damit und sprich sie dann mit einem Namen an, welcher dir gefällt, sie wird die Gestalt annehmen, die du gewählt.« Ich nahm das Wasser, ging zu meiner Frau, fand sie tief schlafend, bespritzte sie mit dem Wasser und sagte dann: »Verlasse deine Gestalt und nimm die einer Mauleselin an!« Sogleich ward sie eine Mauleselin; und sie ist’s, die du hier mit eigenen Augen siehst, o Sultan und Oberhaupt der Könige der Geister!« Der Greis fragte sie noch, ob dies nicht alles wahr sei. Sie nickte mit dem Kopfe und winkte ja. Dies ist die Erzählung von dem, was mir widerfahren.«

Der Geist verwunderte sich darüber, schüttelte sich vor Freude und sagte: Nun Greis, ich schenke dir das noch übrige Dritteil der Schuld dieses Mannes und lasse ihn völlig frei. Geht mit Sshamsh.«

Der Kaufmann ging hierauf zu den drei Greisen, dankte ihnen für ihre Güte, und sie wünschten ihm Glück zu seiner Rettung, nahmen Abschied von ihm und trennten sich. Jeder ging seines Weges; der Kaufmann kehrte in seine Mileaische Heimatstadt zurück, und seine Frau und Kinder freuten sich sehr, als sie ihn kommen sahen, und er lebte glücklich mit ihnen, bis ihn der Tod erreichte.

Tragisches Ende in Riksha
Er ging durch die trockenen, bevölkerten Straßen von Riksha und freute sich, unter so vielen Fremden zu sein. In Akkon gab es solche Anonymität nicht. Dort kannten sie ihn als Schmuggler, aber hier konnte er alles und jeder sein. Vielleicht ein niederer Hausierer. Oder sogar ein Schüler. Einige der Leute schubsten ihn sogar im Vorübergehen, so als wollten sie sagen: ‚Es würde uns im Traum nicht einfallen, so unhöflich zu sein, wenn Ihr hierher gehören würdet.‘Seryne war in keiner der Tavernen, aber er wusste, dass sie hier irgendwo stecken musste. Vielleicht verbarg sie sich hinter dem Fenster eines Wohnhauses oder vielleicht stöberte sie gerade in einem Misthaufen nach einer Zutat für einen Zauber. Er wußte nur wenig über Zauberinnen der Nymeria, aber sie schienen immer exzentrische Dinge zu tun. Dieses Vorurteil sorgte dafür, dass er fast die alte Frau übersehen hätte, die einen Schluck aus einem Brunnen nahm. Was sie tat, war nicht sehr spektakulär, aber er erkannte an ihrem Aussehen, dass sie Seryne war, die große Hexenmeisterin. ‚Ich gebe Euch Geld,‘ sagte er, als er hinter ihr stand, ‚wenn Ihr mir das Geheimnis der Wasseratmung beibringt.‘ Sie drehte sich um und ein breites, nasses Grinsen zog sich über ihr Gesicht. ‚Ich atme es nicht, Junge. Ich trinke es nur.‘n'Veralbert mich nicht‘, entgegnete er etwas steif. ‚Entweder seid Ihr Seryne und werdet mir das Geheimnis der Wasseratmung beibringen oder Ihr seid es nicht. Mehr Möglichkeiten gibt es nicht.‘ ‚Wenn du wirklich die Wasseratmung erlernen willst, mein Junge, dann musst du zuerst lernen, dass es noch viel mehr Möglichkeiten gibt als diese. . Vielleicht bin ich nicht Seryne und kann dich trotzdem die Wasseratmung der Nymeria lehren‘, sagte sie, während sie ihren Mund trocken wischte. ‚Oder vielleicht bin ich Seryne und mache es trotzdem nicht. Oder vielleicht kann ich sogar lehren, wie man Wasser atmet, aber du kannst es nicht lernen.‘ ‚Ich werde es lernen‘, sagte er bestimmt.. ‚Ich werde lange Zeit unter Wasser bleiben müssen. Ich bin bereit, zu zahlen, was Ihr wollt, solange Ihr mir keine Fragen stellt. Man sagte mir, dass Ihr es mir beibringen könnt.‘ ‚Wie lautet dein Name, Junge?'‘Das ist eine Frage‘, sagte er. Sein Name war Thalien Winloth, aber in Akkon nannten sie ihn Zöllner. Seine Arbeit bestand darin, einen Teil der Beute der Schmuggler einzutreiben, wenn diese in den Hafen kamen, um sie seinem Meister bei seiner Gilde zu bringen. Von diesem Teil bekam er dann wiederum einen Teil. Am Ende blieb nur wenig übrig. Er hatte nur wenig Geld, doch das was er hatte, gab er Seryne. Der Unterricht begann noch am gleichen Tag. Die Priesterin der Nymeria brachte ihren Schüler, den sie einfach ‚Junge‘ nannte zu einer Sandbank am Meer.‘Ich bringe dir den mächtigen Zauber der Wasseratmung bei‘ sagte sie, ‚aber du wirst ihn meistern müssen. Wie bei allen Sprüchen gilt auch hier, je mehr du übst, desto besser wirst du. Und selbst das ist nicht genug. Um ein wahrer Meister zu werden, musst du verstehen, was du tust. Es ist nicht so einfach wie ein perfekter Schwertstoß. Du musst verstehen, was du tust und warum du es tust.'‘Das ist doch wohl klar‘, sagte Thalien ‚Ja, das ist es‘, sagte Seryne und schloss dabei die Augen. ‚Aber die Zauber der Veränderung handeln von Dingen die klar sind. Die unendlichen Möglichkeiten, das Durchbrechen des Himmels, das Verschlingen des Raumes, der Tanz mit der Zeit, brennendes Eis, der Glaube an das Irreale, können real werden. ‚Das klingt … sehr kompliziert‘, erwiderte Thalien und versuchte, das Gesicht nicht zu verziehen.Seryne deutete auf einen kleinen silbernen Fisch, der am Rande des Wassers schwamm: ‚Das finden die gar nicht. Sie atmen das Wasser ohne Schwierigkeiten.'‘Aber das ist auch keine Magie.'‘Ich sage dir, Junge, dass es das doch ist.‘Seryne bildete ihren Schüler einige Wochen lang aus und je mehr er verstand, was er tat, und je länger er übte, desto länger konnte er unter Wasser atmen. Als er der Meinung war, dass er lange genug unter Wasser bleiben könne, dankte er der Hexenmeisterin und verabschiedete sich von ihr.‘Es gibt noch eine Lektion, die ich dir beibringen muss‘, sagte sie. ‚Du musst lernen, dass das Verlangen alleine nicht ausreicht. Die Welt wird deinen Zauber beenden, egal wie gut du bist und egal wie sehr du es auch willst.'‘Das ist eine Lektion, die ich gerne lerne‘, sagte er und begab sich unverzüglich zurück nach Akkon. An den Kais ging es zu wie immer. Es gab hier immer noch dieselben Gerüche, dieselben Geräusche und dieselben Gestalten. Er erfuhr, dass sein Meister einen neuen Zöllner eingestellt hatte. Sie waren immer noch auf der Suche nach dem Schmugglerschiff Morodrung, welches zwischen Snow Island und Akkon verkehrte, aber sie hatten die Hoffnung aufgegeben, es jemals wiederzusehen. Thalien wusste, dass es sie aufgeben konnten. Er hatte das Schiff vor langer Zeit versinken sehen. In einer mondlosen Nacht sprach er den Zauber und warf sich dann in die brandenden blauen Fluten. Er brachte sich die Welt des Unmöglichen in den Sinn, in der Bücher singen konnten, in der Grün Blau und Wasser Luft war. Jeder Schwimmzug würde ihn dem gesunkenen Schiff voller Schätze näher bringen. Er spürte, wie die Magie ihn umwallte, als er sich auf den Weg in die Tiefe begab. Vor sich sah er den geisterhaften Schatten der Morodrung. Ihr Mast bewegte sich im Wind der Unterwasserströmungen. Er spürte außerdem, wie sein Spruch nachzulassen begann. Er konnte die Realität lange genug brechen, um bis zur Oberfläche Wasser zu atmen, aber nicht lange genug, um das Schiff zu erreichen. In der nächsten Nacht tauchte er erneut und diesmal war der Zauber stärker. Er konnte die Details des Schiffes sehen, das von Schlamm und Matsch bedeckt war. Den Riss in seiner Hülle, an der Stelle, wo das Schiff gegen das Riff geschlagen war. Ein Glanz von Gold drang von innen zu ihm. Aber er spürte auch diesmal, wie die Realität näher kam und musste zur Oberfläche zurück. In der dritten Nacht kam er bis zum Steuerrad, an den aufgedunsenen Körpern der Seeleute vorbei, die von den Fischen angefressen und zerpflückt wurden. Ihre glasigen Augen waren hervorgequollen, ihre Münder weit aufgerissen. Hätten sie nur den Zauber gekannt, dachte er voller Mitleid, aber dann richtete sich seine Aufmerksamkeit auf das Gold, das sich aus zerborstenen Kisten und Truhen auf dem Boden verteilt hatte. Er zog in Erwägung, seine Taschen damit zu füllen, doch eine dicke, eiserne Kiste schien ihm größere Reichtümer zu versprechen. An der Wand befand sich eine Reihe von Schlüsseln. Er nahm jeden einzelnen herunter und versuchte, damit die Kiste zu öffnen. Ohne Erfolg. Ein Schlüssel fehlte allerdings. Thalien sah sich in dem Raum um. Wo könnte der sein? Sein Blick fiel auf einen der Seemänner, der in einer Art Todestanz in der Nähe der Kiste umhertrieb und in seinen Händen etwas fest umschlossen hielt. Es war ein Schlüssel. Als das Schiff zu sinken begann, war dieser Seemann anscheinend zu der Kiste gerannt. Was immer es auch war, es musste sehr wertvoll sein. Thalien nahm dem Seemann den Schlüssel ab und öffnete die Kiste. Sie war mit zerbrochenem Glas gefüllt. Er wühlte herum, bis er etwas Festes spürte und zwei Flaschen irgendeines Weins zutage förderte. Er lächelte, als er an die Dummheit dieses armseligen Alkoholikers dachte. Das schien dem Seemann von allen Schätzen der Morodrung am wertvollsten gewesen zu sein. Dann plötzlich spürte Thalien Winloth die Realität.Er hatte nicht bemerkt, wie sich die erbarmungslose Macht der Wirklichkeit langsam ihren Weg durch seinen Zauber gebahnt hatte. Seine Fähigkeit, Wasser zu atmen, schwand. Es blieb keine Zeit, an die Oberfläche zu gelangen. Es blieb gar keine Zeit mehr. Als er atmete, füllten sich seine Lungen mit kaltem, salzigem Wasser.

Geschichte vom Kaufmann und den Dieben

Einst reiste ein reicher Kaufmann mit vielen kostbaren Waren nach Milea, Ald Anbar, mietete sich daselbst eine anständige Wohnung, in der er sich mit seinen Waren niederließ, und viele Leute Ald Anbars befreundeten sich mit ihm, weil er die kostbarsten Stoffe mitgebracht hatte. Bald war seine Ankunft aber einigen sehr gewandten Dieben, die schon viele andere reiche Leute bestohlen und sich sogar an des Potentaten Schatzkammer schon gewagt hatten, kein Geheimnis mehr. Eines Nachts versammelten sie sich an einem bestimmten Ort und unterhielten sich von diesem fremden Kaufmanne, und beratschlagten, wie sie ihn berauben könnten, obschon seine Niederlage an einem sehr festen und wohlverwahrten Orte war. Da sagte Einer von ihnen: „Seid nur ganz ruhig, ich übernehme diese Geschäft ganz allein und werde euch bald dessen Erfolg ankündigen.“ Die Diebe freuten sich und lobten ihren Gesellen, und wünschten ihm Glück zu seinem Unternehmen. Am folgenden Morgen kleidete er sich als Arzt und nahm eine niedliche Tasche mit allerlei Kräutern und Medikamenten und Pflastern auf den Rücken, und ein schönes medizinisches Buch unter den Arm, ging in die Nähe der Wohnung des Kaufmanns und ordnete seine Pulver und Salben auf Blätter, und behielt das Buch unter seinem Arme. Bald kamen viele Leute, um seine Medikamente zu sehen, und er hatte für jeden ihn um Rat Fragenden eine Antwort bereit. Nachdem er sich auf diese Weise einen Ruf in der Stadt erworben, begab er sich zum Kaufmann, der eben seine Mittagsmahlzeit hielt, und fragte ihn, ob er eines Arzneimittels bedürfe. Der Kaufmann sagte: er brauche Nichts; doch hieß er ihn sitzen und mit ihm essen. Der Dieb aß mit ihm und als er merkte, das der Kaufmann ein Freund von guten Bissen war, sagte er zu ihm: „Da wir nun Freunde sind, darf ich dir einen gutgemeinten Rat nicht vorenthalten; ich sehe, du bist ein starker Esser und schadest dadurch deinem Körper; wenn du nicht dafür sorgst, so gehst du bald dem Tode entgegen.“ – „Wie,“ sagte der Kaufmann, „kann mir das schaden? Ich esse ja schon lange so viel und befinde mich wohl dabei?“ Der Dieb antwortete: „Der Nachteil wird sich erst später zeigen, drum nimm eine Arznei, die dich vor vielen Krankheiten schützen wird.“ Der Kaufmann nahm dem Diebe eine ihm dargereichte Arznei ab und trank sie des Abends, obschon sie sehr bitter war. Am andern Abend brachte ihm der Dieb wieder eine Arznei, noch bitterer als die erste; doch der Kaufmann ließ sich nicht vom schlechten Geschmack abschrecken. Als der Dieb nun sah, dass der Kaufmann ihm vertraute und Alles trank, was er ihm überreichte, holte er am dritten Tage Gift und überreichte es dem Kaufmann, der noch in derselben Nacht darauf starb. Der Dieb kam nun mit seinen Gesellen herbei und trug Alles davon, was er besaß. Traue keinem der um dein Wohl besorgt ist!